020509_2.jpg

Zeitungsartikel im Zürcher Unterländer

Unterland Am «Tag der offenen Weinkeller» schenken Winzer aus der Region ihre besten Weine aus
Edle Tropfen spülen Vorurteile weg

Kathrin Morf 

Bis anhin verfiel Kathrin Koch stets rassigen Chilenen und verführerischen Franzosen – womit natürlich Weine gemeint sind. «Ich trinke sehr oft Wein. In Gesellschaft, zum Essen … oder auch sonst», sagt Koch schmunzelnd. Für Unterländer Weine konnte sich die 26-jährige Winterthurerin bisher nicht erwärmen. «Die sind sauer, schon fast in Richtung Essig.»

Am gestrigen «Tag der offenen Weinkeller» besucht Koch dennoch einige Weingüter der Region – die Winzer erhalten somit eine neue Chance, die Sportstudentin für Unterländer Weine zu begeistern.

***

Als Erster nimmt Andreas Schwarz aus Freienstein die Herausforderung in
Angriff. Während auf dem Weingut letzte Vorbereitungen für den Besucheransturm laufen, lässt er die RieslingxSylvaner-Auslese von 2007 in ein Glas plätschern. Koch nippt mit einer Mine daran, als erwarte sie puren Zitronensaft. «Der ist ja mega fein», ruft sie dann überrascht und nimmt einen grossen Schluck, «und so gar nicht sauer.»

«Wir müssen unsere feinen Tröpfchen nicht mehr verstecken», meint Schwarz zufrieden. Seit fünf Jahren hat sich der Familienvater dem Wein verschrieben und sammelt Auszeichnungen wie andere Leute Weinflaschen. Mit dem Trinken hält sich der Winzer indes zurück. «Ich will ja nicht mein bester Kunde sein», sagt er lachend. Das herrschende Misstrauen gegenüber Unterländer Weinen bereitet dem jungen Winzer kein Kopfzerbrechen. «Das negative Image kippt langsam», erklärt er und füllt Kochs Glas mit seinem Pinot Noir Barrique von 2007. «Von dem könnte ich noch lange weitertrinken», schwärmt die einstige Skeptikerin.

***

Das Weitertrinken auf dem Weingut bei Schwarz muss jedoch warten, haben doch auch andere Unterländer edle Tropfen in ihren Kellern. Gegen Mittag betritt Koch das Weingut von Pasquale Chiapparini, der zu den «jungen Wilden» unter den Winzern der Region gehört, wie er sagt. Beim Rafzer dinieren die Gäste im Garten, verschlingen Gelati und schicken ihre Kinder auf eine Kutschenfahrt. Auch Chiapparini wählt einen Wein aus dem «Bilderbuchjahr 2007», um Kochs Vorurteile zu tilgen. Vom Soweiss 2007 ist die junge Frau besonders angetan, und über den Sorot 2007 sagt sie augenzwinkernd: «Damit lässt sich ‹jeder Mann schön trinken›.»

***

Am Nachmittag bestaunt Koch den 3,3 Hektaren grossen Rebberg in der Kiesgrube Hüntwangen, wo Trauben für 20 000 Flaschen Wein auf dem Aushub des Milchbucktunnels gedeihen. «Ich wollte einmal eine Apfelschorle trinken und erwischte ein Glas Wein. Der war nicht gut», erzählt die sechsjährige Simona Bosshard, die auf dem Weingut herumtollt. «Wir mögen viel lieber Traubensaft», ergänzt ihre neunjährige Schwester Selina, «den machen wir selber mit einer alten Weinpresse. Unser Grossvater hilft uns, ihm gehört ein Teil des Rebbergs.» Ihr Grossvater sitzt in der gemütlichen Beiz und ist niemand Geringeres als der Bülacher Stadtpräsident Walter Bosshard.

***

«Von meiner Leidenschaft für Reben und Weine wissen nicht viele», erklärt der Politiker – und macht Koch mit einigen Gläsern des Hüntwanger Gruebewys endgültig zum Fan von Unterländer Weinen. Den RieslingxSylvaner von 2008 erklärt die 26-Jährige zu ihrem Favoriten. «Der ist so spritzig», sagt sie und lauscht Bosshards Ausführungen, die auch Laien und Betrunkene verstehen – beide Bezeichnungen werden ihr an diesem Nachmittag gerecht.

«Ihr müsst euch definitiv nicht schämen für euren Wein», zieht die Winterthurerin am Ende des Tages Bilanz und betrachtet die knallgelben Rapsfelder, die saftigen Wiesen und runden Kühe des Unterlandes. «Auch eure Region ist übrigens wunderbar», sagt sie, «die muss man sich nicht schön trinken.»

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here